|
Die Kunstgattung „Lesung“ zu definieren, ist aufgrund ihrer vielfältigen
Formen, ihrer je unterschiedlichen historischen Kontexte und Funktionen nicht einfach. Hier eine Sammlung von Versuchen |
Die Kunstgattung „Lesung“ zu definieren, ist aufgrund ihrer
vielfältigen Formen, ihrer je unterschiedlichen historischen Kontexte und Funktionen nicht einfach. Hier eine Sammlung von Versuchen
I. Metzler Lexikon "Kultur der
Gegenwart"
Simone Keller definiert im „Metzler Lexikon Kultur der Gegenwart“ (Stuttgart/Weimar: 2000, S. 55f.) die Autorenlesung als
„Vortrag eines literarischen Textes durch den Verfasser vor einem Publikum.“ Ihrer Darstellung nach sind der Vortrag mittelalterlicher Sänger und die Sängerwettstreite eine Vorform der heutigen Lesung, „bei denen jeder
Sänger für und mit seinem Text kämpft“. Von Autorenlesung im eigentlichen Sinne kann, so Keller, erst seit der Zeit gesprochen werden, „da sich die Stellung des Autors bzw. des Künstlers in der Gesellschaft sowie dessen
Selbstverständnis in einer Weise gewandelt hat, daß Autorschaft und damit auch die Originalität des Textes relevant werden“, d.h. im Laufe des 18. Jahrhunderts, in dem „freie Autoren“ an die stelle barocker Hofdichter
traten. Diese „freien Autoren“ konnten feste Anstellung haben, sie traten aber zusätzlich als Autor auf, um vor einer interessierten Öffentlichkeit zu bestehen, die sich im erstarkenden Bürgertum herausbildete.
Funktionen des Lesung
Keller: „Das Vortragen
des eigenen Textes dient somit schon im 18. Jahrhundert wesentlich der Einführung des Verfassers in den Kreis gefragter Autoren - oder der Bestätigung seiner Stellung - sowie der Vorstellung eines neuen Werks. Die
Stärke der Autor auf den gesellschaftlichen wie den wirtschaftlichen Erfolg seiner Arbeiten angewiesen ist, desto wichtiger ist die Funktionen der Autorenlesung als Karriere - und verkaufsfördernde Maßnahme. So tragen
junge Autoren in dieser Zeit ihre Werke in der Hoffnung auf Unterstützung durch bereits etablierte Kollegen vor, lesen vor den Schauspielern eines Theaters oder dem Verleger, um von der Publikumswirksamkeit ihrer Texte
zu überzeugen und eine Veröffentlichung zu erreichen.“ Diese Aspekte der Lesung sind sicher heute noch gültig, genau wie die von Keller benannte Möglichkeit in der Lesung erstmals die Wirkung eines Textes auf
Außenstehende zu testen, „wozu etwa das Lesen vor Fremden oder innerhalb einer Autorengruppe zu rechnen ist, in der über den Text diskutiert wird.“
Die Lesungen in den Literarischen
Salons des 19. Jahrhunderts versteht Keller „als eine Art Veröffentlichung (...) Der unterhaltende Aspekt steht im Mittelpunkt, der Text solle zur weiteren Beschäftigung auch mit anderen Texten des Autors anregen.“ Auch
dieser Aspekt ist heute noch relevant, dient zur Etablierung von Autoren ebenso wie als verkaufsfördernde Maßnahme von Buchhandlungen und zur Diskussion innerhalb des Literaturbetriebs. All dies ist so wichtig, daß, so
Keller mit einem Unterton des Mitleid „Selbst etablierte Autoren (...), um beim Publikum gegenwärtig zu bleiben, lange Lesereise auf sich [nehmen].“
Ansprüche des Publikums
Seitens des Publikums sieht Keller eine Vielzahl von Erwartungen an den Autor, die über
die bloße Vorstellung des Textes hinausgehen: „Ein dramatische effektvoller Vortrag des Textes wird ebenso gefordert wie die Selbstdarstellung des Autors, die Schaffung einer Aura um seine Person und die Kraft seiner
Worte. Zwar war dieser Aspekt von jeher präsent - man denke an die perfekt inszenierte Lesungen Dickens’ -, doch tritt er in der Gegenwartsliteratur besonders starker vor. Teils liegt dies an der formale Gestaltung der
Texte selbst, deren Wirkung sich erst im öffentlichen Vortrag durch den Autor entfaltet wie die Gedichte Ernst Jandls, die also schon a priori auf Performance angelegt sind. Teils geht dies aber auch auf eine Steigerung
des Persönlichkeitskultes zurück, die in der Bildenden Kunst der sechziger Jahre zu beobachten ist und unter anderem von Peter Handke im Bereich der Autorenlesung etabliert wurde, der diese durch Provozieren des
Publikums zum Happening umgestaltet. Wenn auch solche extrem Form heute kaum noch auftreten, so sind die Spuren doch
unübersehbar.“